Keine Patentrezepte, aber viele Sichtweisen und
Lösungsangebote
14. Zahnärztetag und 56. Jahrestagung waren fachlich und
organisatorisch Erstliga-reif

Es war eine Nachricht, die die Organisatoren mit einem lachenden und einem
weinenden Auge verbreiteten: Unser 14. Zahnärztetag mit der 56. Jahrestagung
der wissenschaftlichen Gesellschaft ist ausgebucht! Kurzentschlossene
Kolleginnen und Kollegen, die das traditionell schöne Wetter am ersten
September-Wochenende in Warnemünde nutzen wollten, um sich zu den aktuellen
Entwicklungen in der Füllungstherapie zu informieren, konnten zumindest am
Sonnabend keinen freien Platz mehr bekommen im Bernsteinsaal des Hotels Neptun
oder bei den Seminaren. Das dokumentiert auf der einen Seite erneut, dass die
Auswahl der wissenschaftlichen und fachlichen Themen den Nerv der Praxis traf,
andererseits aber auch den hohen Stellenwert, den der Zahnärztetag unter den
Kolleginnen und Kollegen im Land für die eigene Fortbildung bekommen hat.

Kammerpräsident Dr. Dietmar Oesterreich präsentiert bei der Eröffnung der
Dentalausstellung mit einem lachenden und einem weinenden Auge den Hinweis auf
dem Titel des dens, dass der Zahnärztetag 2005 ausgebucht ist.
Dabei war auch in diesem Jahr nicht alles eitel Sonnenschein. Am Vortag erst
hatte es Gespräche mit dem Schweriner Bildungsministerium gegeben, in denen die
Schließungsabsichten für die Rostocker Universitäts-Zahnklinik nochmals
bekräftigt worden waren. Aus diesem Grund nahmen sowohl Kammerpräsident Dr.
Dietmar Oesterreich als auch die Vorsitzende der Mecklenburg-Vorpommerschen
Gesellschaft für Zahn,- Mund- und Kieferheilkunde, Prof. Rosemarie Grabowski,
am Morgen vor Medienvertretern und zu Beginn des Zahnärztetages vor den
Teilnehmern zu den aktuellen Entwicklungen Stellung (siehe dazu auch Seiten 9/10
in dieser Ausgabe).

Vor den Journalisten vertraten u. a. Dr. Dietmar Oesterreich und Prof.
Rosemarie Grabowski ihren Standpunkt zu den Schließungsabsichten von Minister
Metelmann.
Dr. Oesterreich bekräftigte den gemeinsamen Willen der Ärzte und Zahnärzte
des Landes Mecklenburg-Vorpommern, notfalls erneut auf der Straße für den
Erhalt der Zahnklinik zu kämpfen, da die Zahnmedizin in Rostock breite
Auswirkungen auf die gesamte medizinische Fakultät der Universität habe. Prof.
Grabowski betonte den nicht zu unterschätzenden Standortvorteil für die
wissenschaftliche Ausbildung in M-V und stellte fest, dass die wissenschaftliche
Gesellschaft zwei Wurzeln habe, nämlich die Universitäten Rostock und
Greifswald. Die Ausbildung und Forschung an beiden Hochschulen als „Doppelung“
zu bezeichnen, sei „populistisch und falsch“, so ihre Überzeugung. Dass
gerade ein Zahnmediziner als Minister die Schließungsabsichten mit Vehemenz
vertrete, sei unverständlich und traurig zugleich.
Beide Universitäten rief die Vorsitzende auf, alles dafür zu tun, um in
Ausbildung und Forschung auch in Zukunft in der ersten Liga zu spielen.

Standen zur Freiberuflichkeit im vereinten Europa Rede und Antwort: Dr.
Dietmar Oesterreich, Rechtsanwalt Arno Metzler und Prof. Wolfgang Sprekels.
In der berufspolitischen Diskussion ging es in Warnemünde um die
zahnärztliche Freiberuflichkeit im zukünftigen Europa. Obwohl davon schon
jetzt jeder Kollege mehr oder weniger direkt betroffen ist, gab sich die
Beteiligung an der Podiumsdiskussion am Freitag Abend bescheiden aus. Präsident
Dr. Dietmar Oesterreich mahnte dazu gleiche Wettbewerbsbedingungen und eine hohe
Sicherheit für die Patienten an. Die Entwicklung könne und wolle man nicht
aufhalten, jedoch muss europaweites Ziel die Schaffung gleicher
Qualitätskriterien sein. „Viel zu oft“, so sagte er, „wird in der
allgemeinen Betrachtung zahnärztliche Behandlung z. B. mit der Reparatur eines
Autos gleichgesetzt.“ Diese Entwicklung gehe sogar so weit, dass
zahnärztliche Leistungen im Internet an den Preiswertesten versteigert würden.
„Aber die Gesundheit darf kein rein ökonomisches Produkt sein oder werden“,
warnte er. Die Gesundheit dürfe nicht zur „billigen Ware“ verkommen und als
„wichtiges Gut in der Gesellschaft“ verloren gehen.
Wie „Brüssel“ funktioniert, welche Bedeutung Europa hat und welcher
Stellenwert dem Lobbying dabei zukommt, machten gemeinsam Rechtsanwalt Arno
Metzler, Hauptgeschäftsführer des Berufsverbandes der Freien Berufe, und Prof.
Dr. Wolfgang Sprekels, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, ausführlich
und an Beispielen klar. Eine Chance, etwas zu erreichen, habe man ohnehin nur,
wenn man starke Bündnisse suche, so die Redner. Beide legten besonderen Wert
darauf, Qualitäts- und Qualifikationsstandards
europaweit durchsetzen zu helfen, da nur sie die Chancengleichheit bei den sich
entwickelnden Anbietern verschiedenster Art möglich machten.
Rechtsanwalt Metzler wagte einen Exkurs in die Geschichte des gemeinsamen
Europa und untermauerte die gegenwärtigen Entwicklungen mit konkreten
Beispielen, u. a. aus Brandenburg. „Europa geht eigentlich schon jetzt jeden
in seiner Praxis etwas an,“ sagte er, „auch wenn es mitunter ein sehr
diffuses Gefühl ist, meistens auch noch nicht konkret fassbar, aber: es
existiert - und die Auswirkungen sind da.“

Die kontroversen Diskussionen zu den Sichtweisen und Problemlösungen der
Füllungstherapie waren ein bestimmendes Element, das diesen Zahnärztetag
prägte.
Überhaupt nicht diffus, sondern sehr konkret waren die Vorträge und
Diskussionen innerhalb der diesjährigen Fachtagung mit der Rekordteilnehmerzahl
von 550 beim Zahnärztetag und 350 bei der Zentralen Fortbildungstagung der
Helferinnen im Kurhaus (lesen Sie dazu bitte den nachfolgenden Beitrag). Dabei
wurden keine Patentrezepte vermittelt, sondern sehr unterschiedliche Sichtweisen
und Lösungsangebote offeriert.
Die Organisatoren, allen voran der wissenschaftliche Leiter, PD Dr. Dieter
Pahncke, konnten ein zufriedenes Resümee ziehen und voller Erwartung auf den
15. Zahnärztetag im kommenden Jahr verweisen, der sich mit der „Implantologie
von der Planung bis zur Nachsorge“ beschäftigen wird.
Gerd Koths
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Kontroverse Diskussionen um die besten Wege in der Füllungstherapie
Spannendes wissenschaftliches Programm sorgte für ausgebuchten
Bernsteinsaal im Neptun-Hotel

Der wissenschaftliche Leiter der Tagung PD Dr. Dieter Pahncke
Im Rahmen des wissenschaftlichen Programms des diesjährigen Zahnärztetages
und der Jahrestagung der wissenschaftlichen Gesellschaft zum Thema „Aktueller
Stand der Füllungstherapie“ stellten namhafte Referenten, vornehmlich
Hochschullehrer deutscher Universitätszahnkliniken, ihre Erkenntnisse und
Standpunkte vor. Schon bei der Planung der Veranstaltung war uns bewusst, dass
entsprechend dem momentanen Stand der Forschung zu einigen Themen keine
einheitlichen Statements zu erwarten sein werden. Mit entsprechender Spannung
verfolgten die Zuhörer die fachlich und rhetorisch durchweg hervorragend
vorgetragenen und teilweise mit viel Humor gewürzten Ausführungen der
Referenten.
Die klassischen Füllungswerkstoffe Gold und Amalgam stellen nach den
Ausführungen von Prof. Georg Meyer (Greifswald) nach wie vor die bewährteste
Therapieform dar; ihre Nachteile und Risiken sind lange bekannt und damit das
Therapieergebnis bei indikationsgerechtem Einsatz weitestgehend absehbar.
Spezielle Methoden in der Verarbeitung des Goldes, wie die Goldhämmerfüllung,
vorgestellt von Frau Dr. Steffen (Greifswald), oder die von Dr. Menzel
(Neumünster) präsentierte Herstellung von Gussfüllungen nach der
Tucker-Technik bestätigten die ungebrochene Aktualität der klassischen
Füllungsmaterialien.
Die modernen zahnfarbenen Füllungswerkstoffe haben einen Entwicklungsstand
erreicht, der eine Anwendung auch im Seitenzahnbereich sogar unter Kaubelastung
möglich werden lässt. In einem Übersichtsreferat stellte PD Dr. Manhart
(München) die einzelnen Materialgruppen und deren klinische Anwendung vor.
Über ihre Einsatzbereiche gibt es mittlerweile weitgehende Übereinstimmung. In
ästhetischer Hinsicht lassen sich durch Komposite bei nur minimalem
präparativen Verlust an Zahnhartsubstanz oder gar bei noninvasivem Vorgehen
hervorragende Ergebnisse erzielen, wie Prof. Klaiber (Würzburg) und Dr. Mörig
(Düsseldorf) mit ihren Beiträgen durch die Präsentation vieler klinischer
Beispiele und praktischer Hinweise darlegen konnten.
Keramische Materialien unterschiedlicher Zusammensetzung sind heute bei
Einhaltung der Präparationsregeln auch ohne Metallgerüst zur Versorgung des
Seitenzahnbereichs für den Einzelzahn geeignet. Die Beweise hierzu brachte
Prof. Pospiech aus Homburg an der Saar mit. Er konnte zeigen, dass außer dem
schonenderen präparativen Vorgehen auch eine bessere Parodontalprophylaxe
möglich ist. In zunehmendem Maße kommen heute Industriekeramiken zum Einsatz,
die bessere mechanische Eigenschaften aufweisen als individuell hergestellte und
die zudem im CAD/CAM-Verfahren bearbeitet werden können. In diesem Zusammenhang
berichteten Dr. Fritzsche (Hamburg) und Dr. Schletter (Neustadt-Glewe) über die
Entwicklung und die modernen Einsatzmöglichkeiten des Cerec-Verfahrens
einschließlich der Anfertigung von Einzelkronen und gaben einen Einblick in die
eigene klinische Tätigkeit mit dieser Methode.
Die Haftung der Kompositmaterialien am Schmelz kann nach den Ausführungen
von Prof. Hannig (Homburg/Saar) und anderen Referenten 50 Jahre nach der
Entwicklung der Säure-Ätz-Technik durch Buonocore als klinisch etabliertes
zuverlässiges Verfahren bezeichnet werden. Auch die Verbindung dieser
Füllungsmaterialien mit dem Dentin liefert mittlerweile hohe Haftwerte. Hier
wird zwischen den selbstätzenden Adhäsiven und dem Etch & Rinse-System
unterschieden. Beide zeigen jeweils bessere Ergebnisse, wenn sie als
Mehrschrittverfahren angewendet werden.
Hinsichtlich ihrer Biokompatibilität und/oder der toxischen Wirkung auf die
Pulpa und den Gesamtorganismus des Patienten und des Behandler(teams) bestehen
durch die Zunahme von Allergien besonders beim zahnärztlichen Personal nach
Ansicht von Prof. Schmalz (Regensburg) noch viele offene Fragen. Er verwies vor
allem auf die gegenüber dem gesunden Dentin verringerte Penetrierbarkeit der
sklerosierten Dentintubuli mit entsprechenden Auswirkungen auf die Qualität der
Haftung, aber auch auf einen exponentiellen Anstieg der toxischen Wirkung der
Haftvermittler auf die Pulpa in tiefen Kavitäten.
Deshalb stellt Prof. Gängler (Witten/ Herdecke) ihre Anwendung in dieser
Indikation völlig in Frage, lehnt wie Prof. Schmalz die direkte Überkappung
mit Dentinhaftvermittlern völlig ab und benutzt stattdessen Glasionomerzemente
- auch zur Kompensation der Schrumpfung der Komposits als Unterfüllung.
Darüber hinaus verwies er auf eigene Behandlungsfälle, bei denen trotz lange
nachweisbarer, nicht mehr vollständig akzeptabler Oberfläche von
Kompositfüllungen und sondierbarem Randspalt auch nach mehr als 20-jähriger
Beobachtungsdauer keine klinischen Probleme auftraten.
Die vollständige Erneuerung von Kompositfüllungen beim Auftreten kleinerer
Defekte wurde von Ahlers (Hamburg) abgelehnt. Er stellte ein Verfahren zu deren
Reparatur vor, das unter Verwendung kurzkettiger Methacrylatverbindungen eine
gute Verbindung zum vorhandenen Kompositmaterial erzielt.
Ausgehend von der Entstehung und Entwicklung der kariösen Läsion stellte
Prof. Noack (Köln) verschiedene Verfahren der non- und minimalintensiven
Kariestherapie vor. Ihre Anwendung verlangt vom Behandler ein strategisches
Vorgehen, welches sich an der Ausdehnung der Karies orientiert, dementsprechend
eine Zugangskavität erfordert und damit die Art der Präparationsinstrumente
determiniert. Die chemische oder enzymatische Kariesentfernung (z. B. Carisolv)
dauert zwar für die Routineanwendung zu lange, ist für spezielle Indikationen
(z. B. behandlungsunwillige Patienten) ebenso als Therapiealternative anzusehen,
wie die Bakteriostase durch den Einsatz von Antibiotika mit lokaler Wirkung.
Die Füllungstherapie am endodontisch behandelten Zahn wurde von Prof. Beetke
(Rostock) und PD Dr. Pahncke (Rostock) im Überblick dargestellt. Zur Vermeidung
der Rekontamination und zur Stabilisierung der verbliebenen Zahnhartsubstanz
empfehlen sie die Rekonstruktion der klinischen Krone mit chemisch härtenden
Komposits schon vor dem Beginn der Eröffnung des Pulpenkavums, den definitiven
Verschluss nach der Wurzelfüllung mit dem gleichen Material und nach einer
Kontrollphase von drei Monaten den Frakturschutz der geschwächten Höcker durch
Kronen, Teilkronen oder Overlays.
Alle Übersichtsvorträge, die Beiträge der Hamburger Kollegen, die sich in
diesem Jahr mit ihrem traditionell selbst gestalteten Tagungsabschnitt in die
Gesamtthematik perfekt integriert hatten, und die Praxisseminare wurden von den
Teilnehmern mit großem Interesse verfolgt, was der bis zum Tagungsende
jederzeit fast überfüllte Bernsteinsaal bewies.
PD Dr. Dieter Pahncke
Wissenschaftlicher Leiter
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